Zurück zu den persönlichen Texten

Verlust von Autonomie

Als ich in der Quarta des Gymnasiums war, waren meine Eltern völlig mit dem Ausleben ihres eigenen Egoismus und mit der Austragung ihrer Ehekrise befasst, sodass keine Zeit blieb, sich emotional um mich zu kümmern. Ich wurde abhängig, vermisste Solidarität und meine Autonomie war auf dem Nullpunkt.

Zu Ostern 1964 beschlossen meine Eltern, dass sie sich noch weitaus besser, ungestörter und ungehemmter mit sich selbst und miteinander würden beschäftigen können, wenn sie mich, nach Versetzung in die Untertertia, in ein Internat abschieben würden. Und so wurde ich angemeldet, ohne gefragt zu werden, ohne jedes Mitspracherecht und schließlich abgegeben, ohne dass Einwände meinerseits irgendeine Berücksichtigung fanden. Es war Business wie immer.

Das System Internat

Das Internat war ein „Landschulheim“ in einem alten Schloss mit dem Ruf, „nobel“ zu sein und tatsächlich beherbergte es etliche Kinder ziemlich reicher Leute.

Im Internat gab es sogenannte „Ko-Edukation“: Ein revolutionäres Konzept, bei dem tatsächlich Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet wurden, aber im Internat natürlich streng voneinander getrennt waren.

Im Internat wohnten die Eingeschlossenen in sogenannten „Familien“, d.h. sie schliefen in Gruppen zu 6 oder 8 Jungen oder Mädchen zusammen unter Aufsicht einer „Familien-Mutter“ oder eines „Familien-Vaters“.

Diese Personen fungierten als „Erzieher“ oder offiziell als „Magister“ (Latein macht fein).

Von diesen wies so gut wie niemand eine pädagogische Ausbildung oder pädagogische Qualifikation auf, es war das Arbeitsfeld der Naturtalente.

Einige Magister waren über lange Zeit im Haus, andere verließen ihre Positionen schnell wieder: Es drängte sich der Eindruck auf, dass das Schloss eine „Durchgangsstation für verkrachte Existenzen“ sei. Denn relativ viele kamen, sahen und gingen, manchmal ohne großes Aufsehen, manche mit einem eher spektakulären Knall (einer der Magister, weil er einen Schüler geohrfeigt hatte).

Einige der Magister waren nett, unterstützend, empathisch, aber viele verhielten sich arrogant, ignorant: sie genossen es offenbar, ohne jegliche Qualifikation so etwas wie Macht auszuüben.

„Das Internat als Treffpunkt für Psychopathen.“

Einige Lehrer waren gut, insbesondere unser Mathe-Lehrer, andere schrammten immer an der Kante der didaktischen Vollkatastrophe entlang: Also eine ganz normale Schulsituation.

Interessant war der Chef: Ein ca. 65jähriger Mann mit auffälligem Bart, auffälligem Habitus, auffälliger Kleidung und einer durchgängig autoritären Ausstrahlung. Ein verhinderter Lord oder Earl, zur falschen Zeit am falschen Platz geboren.

Er hatte das Internat gegründet, nachdem ihm ansonsten im Leben nichts gelungen war, was er verzweifelt zu verheimlichen suchte.

Mit einem Hauptschulabschluss und ohne Lehre hatte er es als Roman-Autor versucht, ohne einen Durchbruch zu erzielen. Dies war sicher schwer zu erklären (und schwer zu ertragen), denn seine Roman-Titel ließen auf Thrillerverdächtige Bestseller-Kandidaten schließen wie „Die Chronik der Weinberggasse.“ Jedem, der diesen Titel liest, muss sofort klar sein, dass er das Buch gelesen haben muss oder er wird es Zeitlebens bedauern.

Der Chef wies drei wesentliche Charakteristika auf: Sein IQ wurde von seinem Dackel mühelos überboten, sein Bildungsstand hätte sich in einem Perry-Rhodan-Heft zusammenfassen lassen und seine Charakterfestigkeit entsprach der eines Sacks Scheiße: Also ein Internatsdirektor, wie man sich ihn als Vorbild vorstellt.

Seine Lieblingsbeschäftigung war es, „Hof zu halten“, in seinem Büro zu sitzen, sich in alles Einzumischen und alle zu nerven.

Beim Mittagessen stand vor ihm eine Glocke: Wenn er essen wollte, erklang die Glocke, dann durften alle essen. Er aß aber relativ wenig und wenn er fertig war, bediente er die Glocke erneut, was bedeutete, dass alle mit dem Essen aufhören mussten.

Zuzuhören gehörte nicht zu seinen Basisfähigkeiten und obwohl er so gut wie nie etwas verstand, war sein Wort Gesetz.

Ich werde ihn daher im Folgenden als „Seine Gottheit“ bezeichnen.

Die Regeln waren streng: Man verbrachte die gesamte Woche im Internat und durfte am Sonntag Nachmittag von 2-6 raus. Das aber auch nur, wenn man die Woche über nicht gegen Regeln verstoßen hatte. Hatte man das, wurde der Ausgang gestrichen.

Zwischen den Ferien gab es ein „Heimfahrtswochenende“, d.h. man konnte von Samstag Mittag bis Sonntag Abend zuhause verbringen.

Jeden Tag kontrollierte eine ältere „Magisterin“ alle Schränke und alle Betten aller Teilnehmer: Und wenn diese nicht ihrer Vorstellung entsprachen, warf sie einfach den gesamten Schrankinhalt oder das gesamte Bett auf den Boden.

Das war aber nicht die ganze Story: Wenn jemand aus der Familie auch nur einmal den Schrank oder das Bett ausgeräumt bekam, verlor die gesamte Familie das Heimfahrtswochenende, was (wie man sich leicht vorstellen kann) keine allgemeine Erheiterung auslöste: Angewandte Sippenhaft in moderner Form.

Die Dame, die uns immer kontrollierte, war verbissen, verbittert, bösartig und sadistisch: Wäre ihr die Gnade der frühen Geburt zuteil geworden, hätte sie ohne Weiteres als KZ-Aufseherin eine steile Karriere machen können. Ich glaube, mir ist nie wieder eine derart abstoßende und ekelerregende Person begegnet.

Ihr Mann, ebenfalls ein „Magister“, von Haus aus Diplom-Sportlehrer, hatte den Ruf, jeden Samstag nach dem Duschen der Mädchen zufällig im Mädchen-Zimmer aufzutauchen, offenbar treu nach der Sportler-Devise: Ein gesunder Trieb in einem gesunden Körper!

Er erzählte auch jedem, der es nicht hören wollte, dass er Abitur an einem altsprachlichen Gymnasium gemacht habe und zitierte ständig Sprüche in griechischer Sprache.

Von seiner Familie wurde er daher „Eukalypticatos Karutschkaphon“ genannt, was (frei aus dem Griechischen übersetzt) so etwas wie „Angeber“ bedeutet.

Als ich im Internat ankam, war ich von den Regeln und Anforderungen völlig überfordert: Natürlich flog als erstes mein Schrank raus, was mir den Gram meiner „Familie“ zuzog.

Ich war mehrere Male in einem Konflikt: Ich lehnte mich innerlich gegen das System auf, aber es gab keine Möglichkeit zur tatsächlichen Auflehnung, da die Kontrolle sehr stark war. Meine Tendenz zur Autonomie wuchs jedoch ständig und ich war zunehmend von dem autoritären System angewidert.

Erste Freiräume

Dann veranlasste der stellvertretende Internatsleiter, einer der wenigen „netten“ in dem Laden, meine Versetzung in eine andere Familie. Ich kam in eine Familie von Gleichaltrigen, die durch eine französische Erzieherin geleitet wurde. Diese hatte ebenfalls keinerlei pädagogische Qualifikation, bot aber insgesamt den Vorteil, sich auch nur wenig einzumischen. Hier hatte ich deutlich mehr Freiheitsgrade, konnte mehr Autonomie realisieren und fühlte mich insgesamt wohler.

Auch unter den Lehrern gab es einige Spezial-Agenten.

So verfügte das Gymnasium nicht über einen qualifizierten Biologie-Lehrer und engagierte stattdessen einen Realschullehrer.

Dieser war in vielfältiger Weise skuril: Er nannte uns Schüler „Bubbili“, was ich durchaus unangemessen fand.

Aber sehr speziell waren auch seine Vorstellungen von wissenschaftlicher Biologie: So sollten wir z.B. „Hasen zeichnen“ und die Note in Biologie hing davon ab, wie gut man einen Hasen zeichnen konnte. Nun, ich war nur Schüler, kein Experte, aber dass das Zeichnen von Hasen kein essentieller Bestandteil wissenschaftlicher Biologie ist, leuchtete mir auch damals schon ein.

Die mit Abstand beste Performance war allerdings eine Demonstration am lebenden Objekt. Der Lehrer brachte eine kältestarre Biene (Kühlschrank!) mit in die Stunde, setzte diese auf seine Hand, drückte sie herunter, sodass sie ihn stach und sich den Stachel herausriss.

Daraufhin legte er seine Hand unter das Mikroskop und ließ alle Schülerinnen und Schüler einmal durchgucken, um zu sehen, wie der Stachel zuckte. Am nächsten Tag war sein gesamter Arm bis zur Schulter dick angeschwollen. Unprofessionelles Handeln kann einiges an Kosten verursachen.

Die durch die Verlegung für mich entstandene, neue Situation konnte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es eine große Spannung gab zwischen meinen Vorstellungen, wie ich leben wollte und wie ich behandelt werden wollte und dem, was das System ermöglichte.

Ich dachte, ich hätte eine Zeit lang einen lebbaren Kompromiss gefunden, eine Nische, in der ich würde überleben können. Aber ich hatte zwei Aspekte nicht berücksichtigt: Meine Autonomie hatte schon deutlich zugenommen und meine Bereitschaft, mir Sachen einfach gefallen zu lassen, hatte stark abgenommen. Und zweitens war das autoritäre System, das jedes Individuum als Dreck behandelte, nicht in der Lage, selbständige Personen zu tolerieren.

Es musste knallen und es knallte.

Der Konflikt

Zwei Monate vor Schul-Jahresschluss hatte ich am Sonntag Ausgangsverbot: Ich hatte gegen eine dieser sinnvollen, pädagogisch-wertvollen Regeln verstoßen. Und ohne Ankündigung besuchten mich an diesem Wochenende mein Onkel und meine Tante. Ich fragte daher den sogenannten „Major Domus“ (den „Organisationschef des Tages“), ob ich das Ausgangsverbot auf das nächste Wochenende verschieben könne, was mir großherzigerweise erlaubt wurde. So verbrachte ich den Sonntag nachmittag mit meinen Verwandten und saß die Strafe am kommenden Wochenende vorschriftsmäßig ab.

So weit, so gut.

An dem darauf folgenden Wochenende bahnte sich die Katastrophe an. Es begann damit, dass am Sonntag, kurz vor Ausgang, verkündet wurde, ich hätte an diesem Sonntag nachmittag Ausgangsverbot. Davon hatte ich aber keinerlei Kenntnis. Mir war davon nichts mitgeteilt worden, ich hatte keine Regel verletzt und es gab keinerlei Grund für eine solche Maßnahme. Und mein Vater war gekommen, um mich abzuholen und wartete.

Die Information verärgerte mich und ich suchte den „Major Domus“ (wenn man keinerlei Qualifikation aufweisen kann, braucht man zumindest einen lateinischen Titel), der für solche Fragen zuständig war, auf, teilte ihm den Fall mit und bat ihn um Klärung. Ich tat das noch sehr höflich und respektvoll. Der Erzieher, einer von der Sorte „gescheiterte Existenz mit aufgeblasenem Ego“, nahm das aber nicht zur Kenntnis und sagte mir: „Da wird wohl mit Innenschuhen draußen gesehen worden sein“ und weigerte sich, den Fall weiter zu klären.

Dieses Statement war wie der Zündfunke zu einem Pulverfass: Ich fühlte mich nicht nur nicht ernst genommen, ich fühlte mich verarscht: Eine Panne war zu meinen Ungunsten passiert und der verantwortliche „Magister“ weigerte sich, den Sachverhalt zu klären und kam nur mit einem dummen Spruch!? „Du wirst wohl gegen eine Regel verstoßen haben“ hieß ja wohl: Die Institution hat immer Recht und Du hast keierlei Recht auf Klärung. Die Arroganz war nur noch schwer zu toppen. Ich kochte vor Wut.

In diesem Zustand suchte ich meine „Familien-Mutter“ auf und bat sie, etwas zu tun, um den Sachverhalt zu klären. Ich dachte naiverweise, dass dann der „Chef der Familie“ dazu da sei, mit den Schülern solidarisch zu sein und sich für sie einzusetzen. Ich kannte das zwar von meinen Eltern auch nicht, dachte aber, dass man Derartiges von „guten Eltern“ durchaus erwarten könne.

Sie wollte aber offenbar nicht in einen Konflikt mit einem anderen Erzieher hineingezogen werden und äußerte deshalb, ich sollte die Angelegenheit selbst klären. Das enttäuschte mich, machte mich aber auch noch wütender: Ich hatte den Eindruck, im Recht zu sein, aber völlig kaltgestellt zu sein. Vor einiger Zeit hätte ich mir das wahrscheinlich noch gefallen lassen, aber diese Zeiten waren, das war mir äußerst klar, vorbei.

Ich hatte keineswegs vor, aufzugeben, also wandte ich mich an einen anderen Erzieher und bat ihn um Hilfe: Aber dieser hörte mir gar nicht erst zu und wimmelte mich ab mit den Worten: „Wenn Du Ausgangsverbot hast, wird wohl was dran sein.“

Nun, ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so ärgerlich gewesen zu sein. Und ich kann mich nicht erinnern, mich je so hilflos gefühlt zu haben und gleichzeitig war ich auch nie so entschlossen, diesen Zustand nicht zu akzeptieren.

Schluss mit lustig.

Im Grunde hätte sich die ganze Angelegenheit schnell und mühelos klären lassen: Wie sich später heraustellte hatte der Erzieher, der aufgrund des Besuchs meines Onkels ein Ausgangsverbot verschob, dieses nicht (wie vereinbart) am nächsten Sonntag, sondern fälschlicherweise am übernächsten Sonntag eingetragen. Aber niemand war bereit, mich ernst zu nehmen, mir zuzuhören oder mir auch nur fünf Minuten zu gönnen, um das Missverständnis aufzulösen.

Ich kochte vor Wut.

Also ging ich zu meiner Familien-Mutter zurück, um sie um Rat zu bitten. Aber als sie mich kommen sah, sah sie, dass ich mit Außenschuhen drinnen war, was mir in dem Augenblick vollkommen schnurz war und sagte: „Du hast Außenschuhe an. Daher kann es noch ein Ausgangsverbot geben.“

An dieser Stelle ist mir vollständig der Kragen geplatzt. Ich sagte: „Lecken Sie mich am Arsch.“ Dann ging ich zu meinem Vater, stieg in den Wagen ein mit den Worten: „Ich habe Ausgangsverbot, lass uns fahren.“

Mein Vater war (wie immer) an der Klärung meiner Probleme desinteressiert, reagierte nicht auf den offensichtlichen Widerspruch, fragte nicht weiter, sondern fuhr los.

Ich erzählte meinen Eltern nichts von dem Vorfall und ich fand, das muss ich deutlich sagen, mein Verhalten selbst völlig angemessen und gut: Ich hatte mich gewehrt, ich hatte rebelliert, war ohne Erlaubnis gegangen und hatte damit im Grunde dem ganzen Verein mitgeteilt, dass dieser mich am Arsch lecken kann.

Einen Aspekt hatte ich allerdings nicht berücksichtigt: Das Internat war eine Institution, die überwiegend getragen wurde von „Magistern“, die überwiegend über keinerlei Qualifikation für ihren Beruf verfügten. Damit verfügten sie auch nicht über den entsprechenden „natürlichen“ Respekt, also über Respekt, der sich aus irgendwelchen Leistungen oder Qualifikationen hätte ableiten lassen. Das Internat ist mit dieser Tatsache so umgegangen wie die Betrüger im Märchen „des Kaisers neue Kleider“: Man machte allen Schülern deutlich, dass die Magister den größten Respekt verdienen, schlicht und einfach, weil sie Magister sind („Jeder, der einigermaßen intelligent ist, muss das doch auch so sehen.“). Es wird behauptet, alle Magister hätten prächtige Kleider an, sind aber tatsächlich nackt, sie haben nichts zu bieten. Und die Institution verlangt von allen Schülern, alle Magister mit größtem Respekt zu behandeln, denn nur so ist die Kontrolle aufrechtzuhalten. Wäre allen klar, dass alle Magister Null Kompetenz aufwiesen ("nackt sind"), würde niemand sie mehr ernst nehmen.

Das bedeutet aber, wenn ich einem Magister sagen kann „lecken Sie mich am Arsch“, verhalte ich mich nicht nur respektlos, sondern ich stelle das gesamte System in Frage: Also kann man das auf gar keinen Fall durchgehen lassen. Das Imperium muss mit voller Härte zurückschlagen.

Diesen Aspekt hatte ich naiverweise unterschätzt.

Am nächsten Morgen in der Pause kam die nette Gattin des stellvertretenden Chefs zu mir und sagte mir: „Ich will dich nur warnen, es braut sich etwas gegen dich zusammen“. Mehr sagte sie nicht, aber es war mir klar, worum es gehen würde.

Nachdem das Mittagessen zu Ende war, verkündete Seine Gottheit, man müsse jetzt noch über einen besonderen Fall reden. Rainer Sachse hätte gegenüber Frau X „Götz von Berlichingen zitiert“. Das sei ein nicht akzeptables Verhalten und das würde nun mit einer Liste von Maßnahmen bestraft:

Ich würde sofort in eine andere „Familie“ verlegt. Ich sollte jeden Tag zur Strafe Gartenarbeit machen. Und noch weitere Maßnahmen.

Das Ganze war eine völlig surreale Situation: Alle Mitglieder des Internats hörten meiner Verurteilung zu und es war klar, dass eine Einrichtung, die über keinerlei Qualifikationen verfügt, unter besonderem Schutz stehen muss, da sie sich ansonsten keinerlei Respekt verschaffen kann du daher war auch klar, dass diese Machtdemonstration erforderlich war: Aber irgendwie war ich abwesend, wie ein unbeteiligter Beobachter, der gerade Zeuge eines absurden, anthropologischen Rituals wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich entschlossen war, mir den Quatsch nicht bieten zu lassen. Ich vermute, dass meine Gedanken die Form hatten von „ihr könnt mich alle am Arsch lecken“.

Habeas Corpus – Recht auf Anhörung

Nun, Seine Gottheit war sicher zu ungebildet, um die Habeas-Corpus-Akte zu kennen. Dies ist ein Gesetz („act“), das vom englischen Parlament 1671 unter König Charles II. verabschiedet wurde und das bis heute als essentielle Grundlage für jede Rechts-Staatlichkeit gilt. Aber selbst, wenn er sie gekannt hätte, wäre sie wohl dem „Sack Scheiße“ auch egal gewesen.

Die Habeas-Corpus-Akte besagt, dass jeder Angeklagte das Recht auf Anhörung hat, auf einen fairen Prozess und auf Verteidigung und erst dann veruteilt werden darf, wenn diese Bedingungen erfüllt sind.

Ich wurde aber zu dieser Angelegenheit nie gehört, ich durfte nicht Stellung nehmen, wurde nicht befragt und erhielt auch keinen Verteidiger. Seine Gottheit hat nur die Version meiner „Familien-Mutter“ gehört, den Kontext nicht zur Kenntnis genommen und ein Urteil ex cathedra gefällt und es dann in aller Öffentlichkeit verkündet. Niemand ist auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, es könnte sinnvoll und ethisch vertretbar sein, meine Version zu hören und diese zu berücksichtigen.

Ich befand mich in einer merkwürdigen Gefühlsmischung: Zum einen hatte ich das Gefühl, das alles ginge mich nicht das Geringste an, zum anderen war ich stinksauer. Ich denke, ich war stinksauer, aber mir war klar, dass ich gegen das gesamte Internat nichts würde ausrichten können. Ich fühlte mich eine kurze Zeit lang paralysiert, dann wurde mir klar, dass die einzige Möglichkeit, mich zu wehren, darin bestehen würde, das Internat zu verlassen, um zu demonstrieren, dass ich nicht bereit war, das Spiel mitzuspielen, denn dazu war ich absolut nicht bereit.

Das Einzige, das ich nach der offiziellen Veruteilung tun konnte, war, meine Mutter anzurufen, da mein Vater tagsüber nicht erreichbar sein würde. Also ging ich ins Büro Seiner Gottheit und ersucht darum, meine Mutter anrufen zu können. Wider Erwarten wurde mir Gnade erwiesen und ich durfte anrufen.

Mir war jedoch klar, dass dies nur eine symbolische Geste sein würde. Da meine Mutter sich weder für meine Anliegen interessierte, noch in der Lage war, den komplexen Sachverhalt zu verstehen, war die Aktion im Grunde inhaltlich sinnlos, es war nur eine Demonstration meinerseits, etwas zu tun.

Als meine Mutter dann am Telefon war und ich ungefähr 1,5 Sätze gesagt hatte, nahm mir allerdings Seine Gottheit den Hörer aus der Hand und sagte zu meiner Mutter: „Frau Sachse, ich will Ihnen nun mal erzählen, wie es wirklich war.“

Ich war nie sonderlich ängstlich und ich bin nicht konfliktscheu, aber ich halte meine Interaktionen immer in einem angemessenen Rahmen: Ich wurde nie in Schlägereien verwickelt, was aufgrund meiner extremen Unsportlichkeit und angesichts der Tatsache, dass ich mir keinen Bodyguard leisten konnte auch höchst unklug gewesen wäre. Ich habe nie in meinem Leben jemanden geschlagen und auch nicht vor, das zu tun.

Aber ich muss gestehen, dass in mir in diesem Augenblick der nahezu unkontrollierbare Impuls entstand, das (alte Wählscheiben-)Telefon zu nehmen und Seiner Gottheit damit die Fresse zu polieren. Ich sah es vor mir und es war der verlockenste Gedanke, den ich je hatte. Mit großer Mühe gelang es mir zu verhindern, den Zahnarzt Seiner Gottheit reich zu machen. Ich war noch nie so nah vor einem solchen unkontrollierten Wutausbruch.

Also hielt ich mich zurück, schon weil mir klar war, dass meine Mutter auch die Ausführungen seiner Gottheit nicht verstehen würde und meinen Vater wahrscheinlich gar nicht informieren würde. Also war das Ganze eine Aktion gediegener Sinnlosigkeit.

Der Entschluss zur Flucht

Kurz danach traf ich mich mit meinen Freunden Peter und Manfred und informierte sie darüber, dass ich das Schloss mit Einbrechen der Dunkelheit verlassen würde und bat sie, so zu tun, als wüssten sie von nichts. Und wir machten noch einen weiteren Plan aus, von dem allerdings nicht klar war, ob wir den würden realisieren können.

Sie waren sofort einverstanden und versprachen, mich zu decken. Meine Flucht war der Versuch, allen zu zeigen, dass ich den Spruch von Götz von Berlichingen durchaus zu wiederholen im Stande war und gewillt war zu demonstrieren, dass ich nicht daran dachte, mich zu fügen. Ich war weder ängstlich, noch depressiv, noch suizidal, ich war stinksauer und bis in die Knochen hinein rebellisch.

Ich habe mich das in der Situation nie gefragt, aber ich denke heute, dass die Sache anfing, mir Spaß zu machen. Subjektiv hatte ich den Eindruck, Schritt für Schritt die Kontrolle zurück zu gewinnen. Allerdings musste ich noch den Nachmittag durchstehen.

Ich machte keinerlei Anstalten, in meine neue „Familie“ umzuziehen. Irgendwie ist das eine Zeit lang auch niemandem aufgefallen.

Allerdings kamen die Rüpel meiner „neuen Familie“ vorbei, um mir zu sagen, man würde mich in der Nacht verprügeln: Mir ging diese Drohung allerdings völlig am Arsch vorbei, denn es würde niemand zum verprügeln da sein. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

Also setzte ich mich in den Klassenraum, um meine Hausaufgaben zu erledigen. Währenddessen kam mein neuer „Familien-Vater“ vorbei: Ein erst kürzlich eingestellter Erzieher, natürlich ohne jegliche pädagogische Qualifikation, aber sehr stark getrieben von Machtausübung. Eine Art von aufgeblasenem Stutenkerl: Schwammig, großspurig, abstoßend, jemand, dessen Ignoranz nur noch von seiner Arroganz getoppt wurde.

Er stellte mir die Frage, ob ich mich bei meiner Familien-Mutter entschuldigt hätte. Nun, das hatte ich nicht und das hatte ich auch nicht vor, denn ich fand meine Aktion angemessen. Sie hatte ihren Respekt auf Entschuldigung verspielt und ich habe aufgehört, sie zu respektieren: eine ausgewogene Transaktion. Ich dachte, dass ich in entsprechendem Kontext wieder so handeln würde.

Wir hatten aber darüber gesprochen und sie sagte mir, dass sie bedauere, mich gemeldet zu haben: Ich fasste das als eine Art von Entschuldigung bei mir auf, die ich akzeptierte.

Der entscheidende Punkt in diesem Augenblick war aber, dass meiner Einschätzung nach diese Information den aufgeblasenen Stutenkerl einen feuchten Kehricht anging: Er war weder der Beschützer französischer Erziehungs-Jungfrauen in schimmernder Rüstung, noch war er für mich verantwortlich, noch ging ihn die Angelegenheit auch nur das Geringste an. Bei mir stieg erneut Ärger auf und ich sagte „ja“ auf die Frage nach meiner Entschuldigung, weil ich erneut die „leck-mich-am-Arsch-Haltung“ annahm.

Er ging, erschien aber nach 10 Minuten erneut mit den Aussagen, ich hätte ihn angelogen und hätte mich gar nicht entschuldigt. Beide Behauptungen entsprachen durchaus den Tatsachen, was aber völlig belanglos war. Da ich nichts entgegnete (ich hielt ein Statement für überflüssig), äußerte er, „ich würde ihn kennenlernen“. Nun, ich dachte, dass sich das zeigen würde und ich es diesbezüglich nicht eilig haben würde.

Abgang Stutenkerl.

Ich weiß nicht mehr, wann es dämmerte, aber das war mein Startsignal. Ich zog meinen Anorak an, steckte Geld ein, verfügte aber leider nicht über eine Taschenlampe. Ich ging zum Tor des Schlosses: Nun kam der Augenblick der Wahrheit, denn wenn das Tor verschlossen gewesen wäre, hätte ich große Probleme gehabt, das völlig eingezäunte Schloßgrundstück zu verlassen.

Das Tor war unverschlossen.

Ich trat in die Selbstbestimmung hinaus.

Vorher hatte ich allerdings noch ein deutlich profaneres Ziel: Ich musste den Bahnhof der benachbarten Stadt erreichen. Drei Wege führten dorthin: Zwei beleuchtete Straßen und ein Deich, der völlig unbeleuchtet war und durch ein völlig abgelegenes Gebiet führte. Die Straßen zu benutzen war zu gefährlich: Sollte mein Verschwinden relativ schnell auffallen und die Vermutung aufkommen, ich würde die Flucht ergreifen, wäre es wahrscheinlich, dass man die beiden Straßen kontrollieren würde. Man würde sicher nicht vermuten, dass ich allein über einen vollständig dunklen Deich laufen würde.

Also war klar, dass ich genau das tun musste.

Der Weg war einsam, niemand begegnete mir. Leider erwies sich der Weg auch als uneben, wodurch ich nur sehr langsam vorankam. Insgesamt war der Weg aber weniger dunkel als erwartet, was angesichts der Tatsache, dass mir eine Taschenlampe fehlte, angenehm war. Es gab relativ viel Streulicht, aber der Boden des Weges war dennoch schlecht zu sehen.

Kurz vor neun kam ich am Fahrkartenschalter an.

Reaktion des Internats

In der Zwischenzeit war mein Verschwinden aber bereits aufgefallen und zwar ziemlich schnell, denn ich wurde ja mit gepackten Sachen von meiner neuen „Familie“ mit Spannung erwartet, bin aber nicht aufgetaucht. Daher meldete der Stutenkerl mein Nicht-Erscheinen Seiner Gottheit. Dieser ließ meine Freunde kommen, um sie diesbezüglich zu befragen.

Das gab meinen Freunden nun die Gelegenheit, unsere eigentliche, geplante Trumpfkarte auszuspielen: Ich war mir ziemlich sicher, dass sie funktionieren würde, selbst bei der eher dackel-mäßigen Intelligenz Seiner Gottheit.

Peter sagte aus, mich schon eine Zeit lang nicht mehr gesehen zu haben, aber auch nicht zu wissen, wo ich sei. Und Manfred bestätigte dies. Dann fügte Peter hinzu, seinem Eindruck nach sei ich bei dem letzten Treffen sehr bedrückt und niedergeschlagen gewesen, was Manfred ebenfalls bestätigte.

Aus den unmittelbaren Aktionen Seiner Gottheit schließe ich, dass dieser den Köder geschluckt hatte: Er ordnete an, sofort die gesamte, zum Schlossgelände gehörende Insel (im Dunkeln) zu durchsuchen, das Wehr, das sich unter der Brücke zur Insel befand und in dem gelegentlich tote Schweine mehrere Tage lang „kreiselten“, und den Dachboden des Schlosses zu durchsuchen.

Er ging also, so wie er sollte, von der Möglichkeit aus, dass ich auf dem Schlossgelände Suizid begangen haben könnte. Selbst bei seinem Niveau von Intelligenz muss ihm schlagartig klar geworden sein, dass dies äußerst nachteilig für die Reputation des Internats sein würde, von den aktuellen juristischen Problemen ganz abgesehen. Damit war er erfreulicherweise verunsichert und in Panik und in keiner Weise irgendwie einsichtig, aber er muss erkannt haben, dass seine gesamte Aktion sehr gefährlich für ihn selbst werden könnte.

Anders gesagt: Ihm ging der Arsch auf Grundeis.

Nun war ich nicht einmal ansatzweise suizidal, sondern sehr handlungsorientiert und entschlossen. Aber es würde Seiner Gottheit verdeutlichen, wie potentiell gefährlich die Situation für ihn war.

Natürlich war die ganze Suchaktion unter den Bedingungen aussichtslos, eine „mission impossible“ und meine Leiche wurde auch nie gefunden. Was für mich von großem Vorteil war.

Offenbar sah Seine Gottheit nach kurzer Zeit ein, dass er nun keine andere Wahl mehr hatte, als meine Eltern zu informieren. Was dann geschah, kann ich nur aus Aussagen meines Vaters und meiner Mutter rekonstruieren.

Seine Gottheit hatte meinen Vater am Telefon und muss so etwas gesagt haben wie „ihr Sohn ist verschwunden, aber wir sind nicht schuld“.

Klar, man erwartet von einem Pädagogen, dass er für alle ein Vorbild ist und Verantwortung für sein Handeln übernimmt sowie eine schwierige Situation souverän meistert. Was man von Gottheiten erwartet, ist dagegen etwas völlig anderes.

Die Antwort meines Vaters muss wohl in etwa geheißen haben: „Natürlich sind Sie Schuld daran.“, woraufhin er aufgelegt habe und sich in sein Auto gesetzt haben soll, um zum Internat zu fahren. Offenbar war er von meiner Mutter doch irgendwie informiert worden.

Ich muss schon kurz vor dem Bahnhof gesessen sein, als mein Vater im Internat ankam. Er und der stellvertretende Internatsleiter vereinbarten, die zwei beleuchteten Straßen zum Bahnhof abzufahren und sich am Bahnhof zu treffen.

Sie müssen so gegen halb zehn angekommen sein, befragten die Fahrkartenverkäufer, aber die waren um neun abgelöst worden, sodass sich keiner von ihnen an mich erinnern konnte.

Ich war vom Bahnhof ca. 2,5 Stunden lang nach Hause unterwegs und das bedeutete, weitere 2,5 Stunden Unsicherheit für Seine Gottheit.

Sicher hätte ich von einem der Bahnhöfe aus telefonieren können (das Telefon war ja schon erfunden, das Handy allerdings noch nicht).

Das tat ich aber ganz bewusst nicht, denn ich wollte die Verunsicherung aufrechterhalten.

Zeugen berichteten mir, dass mein Vater danach offenbar wenig kooperativ war und mächtig Druck gemacht haben muss. Offenbar gefiel er sich in der Rolle als Beschützer seines Sohnes, aber egal: Seine Gottheit hatte Stress und nur darauf kam es an.

Rückkehr und Konsequenzen

Schließlich kam ich zuhause an, meine Mutter wartete irrationalerweise vor der Haustür, nahm mich, offenbar erleichtert, in Empfang und rief dann im Internat an.

Es dauerte noch eine Zeit lang, bis mein Vater kam.

Erstaunlicherweise bekam ich von meinen Eltern keinerlei Kritik, keinerlei Vorwürfe, keine negativen Reaktionen. Sogar meine histrionische Mutter ging sachlich mit dem Thema um.

Mein Vater berichtete, dass er mit Seiner Gottheit ausgehandelt habe, dass ich zwar in eine andere Familie versetzt werden sollte, aber nicht zu dem aufgeblasenen Stutenkerl, sondern zu dem stellvertretenden Institutsleiter, der zu den Guten gehörte. Mir war klar, dass sie eine Versetzung nicht würden zurücknehmen können, ohne jegliche Glaubwürdigkeit zu verlieren, aber dennoch war es ein Erfolg.

Sämtliche anderen Strafmaßnahmen wurden aufgehoben.

Wie geplant würde ich das Internat zu Ostern mit dem Schulwechsel verlassen.

Ich konnte den nächsten Tag zuhause verbringen, wurde dann am darauf folgenden Tag von meinem Vater zum Internet zurückgebracht.

Ich muss sagen, dass ich das Ergebnis als absolut großen Sieg über einen mächtigen Gegner interpretiert habe: Ich hatte mir nichts gefallen lassen, mich effektiv wehren können.

Das hat meine Tendenz zur Autonomie sehr gestärkt und meine Selbsteffizienzerwartung enorm weiterentwickelt.

Es war der erste große Sieg meines Lebens.

Der Empfang in meiner neuen Familie war kühl, aber freundlich, ein Mitschüler zitierte ein Kirchenlied: „Wie soll ich Dich empfangen?“

Ansonsten wurde ich gut behandelt, ich kann mich nicht beklagen.

Der Stutenkerl ging mir aus dem Weg ich ging meiner ehemaligen Familien-Mutter aus dem Weg, die Schule nahm von der ganzen Angelegenheit keinerlei Kenntnis, was ich sehr professionell fand.

Einmal sprach ich noch mit meiner Familien-Mutter über die Angelegenheit: Dabei sagte sie mir, sie fände, meine Flucht sei eine „kindische Tat“ gewesen. Ich nahm ihre Einschätzung zur Kenntnis, sie verstärkte aber meinen Eindruck, dass sich elementare pädagogische und psychologische Grundkenntnisse in einer pädagogischen Aufgabe als nützlich erweisen könnten, wenn es darum geht, Interaktionspartner richtig zu verstehen.

Schlussfolgerungen

Zum Abschluss möchte ich kurz reflektieren, was ich aus dem Ereignis gelernt habe, welche Schlussfolgerungen ich daraus gezogen habe.

Das Erste, was mir, schon während der Aktion am Nachmittag, klar geworden ist, dass ich in der Lage bin, mich aktiv zu wehren: Ich bin keineswegs hilflos oder irgendwelchen Situationen ausgeliefert.

Und dieses Gefühl, ich kann aktiv handeln, ich kann mich wehren, gibt mir ein Gefühl von Kontrolle zurück: Das mag zum Teil illusorisch sein, aber es ist auf alle Fälle äußerst motivierend!

Ich erkannte auch, dass ich die Belastung aushalten, einen „kühlen Kopf“ behalten kann, dass ich hoch handlungsorientiert sein kann, dass ich Probleme effektiv lösen kann.

Die ganze Aktion hat mein Zutrauen in mich selbst sehr stark erhöht.

Dies hat mir aber ebenfalls sehr deutlich gemacht, dass ich mir nichts mehr einfach gefallen lassen muss: Wenn ich will, kann ich mich durchaus an Bedingungen anpassen, aber wenn ich nicht will, kann ich auch anders. Ich glaube, dass diese Erkenntnis für mich von absolut elementarer Bedeutung war: Das „ich muss mir nichts gefallen lassen“ ist zu einem zentralen Lebensprinzip geworden.

Und ich glaube, ich habe mir nie wieder etwas gefallen lassen, das ich auf keinen Fall akzeptieren wollte.

Die Erfahrung zeigt aber auch sehr deutlich, wie wichtig es ist, letztlich „cool“ zu bleiben: Natürlich kann man wütend sein, irritiert sein, verunsichert sein.

Aber damit muss man irgendwann aufhören.

Und dann muss man anfangen zu denken, Probleme zu lösen, Zutrauen zu sich selbst gewinnen und handlungsorientiert werden. Dies ist mir nach meinem Fast-Kontrollverlust mit dem Telefon schnell klar geworden: Ich brauche einen Plan, ein Konzept, kein Chaos.

Ich habe aber auch für mich gelernt, dass ich mich durch andere nicht einschüchtern lassen will und dass ich mich nie erpressbar machen lassen will. Der Versuch, mich einzuschüchtern, hat bei mir ein hohes Maß an Reaktanz zur Folge. Daher ist meine Haltung zu Einschüchterungsversuchen auch eher: „Wir werden sehen.“

Ich möchte ein sympathischer, humorvoller und empathischer Mensch sein, aber ich weiß auch, dass das als Schwäche interpretiert wird: Ich möchte, dass erkennbar ist, dass ich im Ernstfall „auch anders kann“.

Das Ganze hat mir aber auch gezeigt, dass es gut ist, durchaus (kalkulierte!) Risiken einzugehen, mutig zu sein, manchmal durchaus frech: Und so habe ich mich dann auch tatsächlich manchmal verhalten und bin immer damit „durchgekommen“. Ich muss gestehen, ich hatte oft „Glück“ („Glück“ bedeutet, dass zufällig eintretende Ereignisse für einen selbst zufälligerweise positive Aspekte bescheren).

Aber aufgrund meiner Erfahrungen habe ich die Überzeugung gebildet, dass das Glück auf der Seite derer ist, die sich was trauen.

Dennoch, das ist mir auch deutlich geworden, ist es wichtig, Risiken so gut wie möglich abzuschätzen und für sich zumindest abzuklären, dass man selbst, wenn etwas schief gehen sollte, mit den Konsequenzen leben kann.

Das Ganze hat mich aber auch gelehrt, dass Lösungen manchmal nicht so einfach zu finden sind, dass man unter Umständen unkonventionelle Strategien anwenden muss und dass man „indirekte Wege“ gehen muss.

Also: Nachdenken, möglichst nicht aus ersten Impulsen heraus handeln.

Erst denken, dann reagieren.

Das Ereignis hat mir aber auch gezeigt, wie wichtig Freundschaft und Solidarität sind: Es ist äußerst hilfreich, sich in kritischen Zeiten auf andere verlassen zu können.

Eine solche Solidarität stärkt nicht nur die eigene Position in der Realität: Sie stärkt auch und eventuell sogar wesentlich auf psychischer Ebene.

Dann bin ich, trotz aller Bedrohungen, nicht allein und das ist hilfreich, auch dann, wenn die anderen im Augenblick faktisch wenig tun können.